Welcher Ort ist besser geeignet zur Verbreitung, zum Genuss und zur Diskussion von Worten als eine Universität?
Wo sonst treffen so passend Witz auf Nachdenklichkeit, tiefgründige Texte auf heitere Stimmung und Wortgewandtheit auf ein Publikum, das sie wertschätzt?
Nachdem Moderatorin Anna Lisa Azur (@annalisapoetry) in einer großen Vorstellungsrunde das Konzept des Poetry Slams erklärt und die Band Pinkshadow (@pink_shadow.band) uns mit ihren brandneuen Songs »Rendezvous« und »Phoenix« begrüßt hatte, begann der literarische Teil des Abends: Jana Goller (@jana_goller) widmete sich mit ihrem Text »Selbstwert« dem Selbstwertgefühl, Zweifeln daran und dem Weg dorthin. Björn Rosenbaums (@rosenbjoern) lyrisches Ich träumte von langen Haaren wie Disneys Prinzessin Elsa und fand sich damit auf einmal zwischen besoffenen Anmachen, Aufforderungen zum Kaffeekochen und einer Gehaltskürzung wieder.
Tilman Döring (@tilmandoering) hingegen saß in seiner Geschichte an einem schönen See im Winter, an einem Mandala aus Eiskristallen und philosophierte über die Erde. »Alexa, was ist Privatsphäre?« – ich weiß nicht, ob das der Titel des Gedichts war, aber passender ließ sich seine Gesellschaftskritik kaum zusammenfassen. Und dann: »Irgendwann«. Damit begann Heidi Daniels (@heidireimtsich) den Text, der sie ins Finale katapultierte. »Eines Tages, da wirst du dich verlieben«, das klang so schön. Doch da war Betrug und zerbrochene Hoffnung, Selbstbetrug nach dem Betrug, eine Ehe zum Aufrechterhalten des einseitig längst gebrochenen Traumes. In Scherben aufwachsende Menschen, die ihrerseits vom Verlieben träumten und in zerbrochenen Beziehungen endeten. Doch immerhin: Der Text endete versöhnlich und mit einem Hoffnungsschimmer.
Nach einer Pause besangen Pinkshadow dann den »Favorite Way of Wasting My Time«: Ein mit zitroniger Ambivalenz versehenes Kompliment in Liedform.
Tilman Döring stand anschließend zumindest mit seinem lyrischen Ich auf einem »Fundament aus Scheiterhaufen«. Weshalb? Wegen ADHS. Sein Kopf sei ein Karussell; »bewahre dir das Kind in dir«, riet man ihm. Doch seines sei laut und schreie und brülle. Er verglich seinen Kopf mit einem Radio, auf dem alle Sender gleichzeitig auf Empfang stehen, und dann sagte er etwas, das mich zum Nachdenken brachte:
»Ich bin nicht krank, die Gesellschaft ist es. Wer krank ist, leidet. Ich leide nicht.«
Jana Goller berichtete von einer Zugfahrt des Grauens und behielt dabei dennoch ihren Humor: Die Taube im Nacken eines mit ihr am Bahnhof Wartenden tat, was Tauben manchmal tun, doch selbst im Zug wartete keine Erholung, sondern… Peppa Wutz. In voller Lautstärke vom Tablet eines Kindes, neben einer offenbar über die Einschlafensprobleme ihres anderen Kindes erstaunten Dame. Mit Jana Gollers lyrischem Ich durchlebten wir Zusammenreißen und Höflichkeit neben Schrecken und Lärm. »Ich hole Kopfhörer raus … aus Scham. Doch ich verbinde sie nicht mit meinem Smartphone … aus Trotz.« Auf große Zustimmung mit Schnipsen im Publikum stieß hierbei aber auch Kritik an Menschen, die in solchen Situationen andere Menschen wie die überforderte Mutter anblaffen. So schärfte der Text neben seinen belustigenden Aspekten auch den Sinn dafür, im richtigen Moment ein Auge zuzudrücken – oder in diesem Fall ein Ohr.
Zum zweiten Finalisten qualifizierte sich Björn Rosenbaum mit »Papa, mein Schal riecht nach Kotze«. Dabei handelt es sich um eine Erzählung, in der seine humoristisch überzeichnet erwachsen redende Tochter seine Erziehungsmethoden unter pädagogischen Gesichtspunkten kritisiert, während sie zwischen einer Vollkommenheit von Pessimismus oder Optimismus hin und her wechselt – offenbar stark abhängig davon, ob gerade ein Schal anzuziehen ist, draußen jemand mit einem Schal herumläuft oder der fortschrittliche Vater einen Dinosaurier anstelle eines rosa Ponys anbietet.
Für die Startreihenfolge im Finale hatte Anna Lisa Azur etwas Besonderes vorbereitet: Geografie. Neben den tatsächlich anwesenden Germanistik-Studierenden saß niemand, der sich im Studium mit Erdkunde befasste – umso besser für ein Losverfahren, bei dem man in die Richtung eines Landes zeigen muss, nachdem man sich blind um seine eigene Achse gedreht hat. So durfte das Publikum mitraten und mitfiebern, als Heidi Daniels an die erste Startposition gelost wurde.
»Unter Oberflächen« hieß es dann. Erster Weltkrieg. Schweigen für den Frieden.
Kiew, 2022. Grimassen, ein neues Leben im Kriegsgebiet, Angst. Krieg als Normalzustand, Sehnen nach Frieden.
Das war starker Tobak. Heidi Daniels berichtete von Spätsommer zwischen Köln und Berlin, ließ das lyrische Ich in Depressionen am Frieden zweifeln: Was Frieden überhaupt sei?
Björn Rosenbaum berichtete von der Schulzeit an einer sogenannten Laborschule und davon, wie man sich dort als Zahnrad in einer kleinen Maschine fühlte. Kritik unerwünscht, Konformität mit der Zeit durchgesetzt. Wie sich das mutige Kind in jemanden verwandelte, der mit dem Strom schwamm und das Interesse am Widerstand verloren hatte.
Aus zwei Finaltexten zu solch ernsten Themen und nach der Begeisterung aus allen Runden fiel dem Publikum die Wahl hörbar schwer. Letztendlich war es Björn Rosenbaum, der den Preis mitnehmen durfte.
Wir waren vom Publikum begeistert, das Publikum war von den Künstler*innen begeistert und es war ein wunderschöner Abend mit euch auf der AStA-Ebene!